Ramersdorf blickt auf eine über 1000-jährige Geschichte zurück und gehört damit zu den ältesten besiedelten Gebieten im heutigen München. Die erste urkundliche Erwähnung findet sich in einer Freisinger Urkunde aus dem Jahr 1006 (manchmal auch 815 in älteren Überlieferungen genannt). Damals hieß der Ort noch „Rumoltesdorf“ oder „Roumoldesdorf“ – benannt nach einem Grundherrn oder Siedler namens Rumolt/Roumold. Schon früh entwickelte sich hier eine kleine Siedlung an einer wichtigen Fernhandelsstraße Richtung Süden (heute ungefähr die Rosenheimer Straße / Chiemgaustraße).
Mittelalter: Aufstieg zur Wallfahrtsstätte
Ab dem 14. Jahrhundert gewann Ramersdorf durch seine Kirche enorm an Bedeutung. Die Wallfahrtskirche St. Maria Ramersdorf (heutiger Bau im Kern aus dem 15. Jahrhundert) wurde zu einem der wichtigsten Marienwallfahrtsorte Bayerns – neben Altötting der bedeutendste im Erzbistum München und Freising.
Entscheidend war die Schenkung einer Kreuzreliquie um 1360 durch den Sohn Kaiser Ludwigs des Bayern. Diese Reliquie zog unzählige Pilger an und machte Ramersdorf zu einem echten „Tor zum Süden“. Die Kirche erlebte ihre Blütezeit im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie mehrfach umgebaut und erweitert – der heutige barocke Eindruck stammt vor allem aus dem 17./18. Jahrhundert, während wertvolle gotische Ausstattung (z. B. der beeindruckende Kreuzaltar um 1482, vermutlich von Erasmus Grasser) erhalten blieb.
Bis ins 19. Jahrhundert blieb Ramersdorf ein relativ kleines, landwirtschaftlich geprägtes Dorf mit nur wenigen hundert Einwohnern. Die Wallfahrt und die Lage an der wichtigen Handels- und Poststraße sorgten jedoch für stetigen Verkehr und Wohlstand.
Eingemeindung und Industrialisierung (19./frühes 20. Jahrhundert)
Am 1. Januar 1864 wurde die selbstständige Gemeinde Ramersdorf nach München eingemeindet – deutlich früher als viele andere Vororte. Perlach folgte erst 1930. Durch die Nähe zur wachsenden Großstadt und die guten Verbindungen (später Eisenbahn, dann Straßenbahn) setzte langsam eine Suburbanisierung ein.
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden entlang der Balanstraße und Chiemgaustraße erste Gewerbebetriebe, Brauereien, Ziegeleien und kleine Fabriken. Ramersdorf wandelte sich vom Bauerndorf zum Arbeiter- und Handwerkerviertel.
Die Mustersiedlung – ein nationalsozialistisches Prestigeprojekt
Ein besonders markantes Kapitel ist die Mustersiedlung Ramersdorf (auch „Deutsche Siedlungsausstellung“ genannt). Sie entstand 1934 direkt neben der Wallfahrtskirche und wurde am 9. Juni 1934 feierlich eröffnet. Die Siedlung mit 192 Einfamilienhäusern im Heimatstil (spitze Giebel, Satteldächer, kleine Vorgärten) galt als Vorzeigeprojekt der NS-Zeit für „gesundes deutsches Wohnen“. Architektonisch von Guido Harbers geplant, sollte sie ein Gegenmodell zu den Großsiedlungen der Weimarer Republik darstellen.
Heute steht die Mustersiedlung unter Denkmalschutz und gilt als eines der wenigen weitgehend erhaltenen Beispiele nationalsozialistischer Wohnarchitektur in München – ambivalent in ihrer Entstehungsgeschichte, aber städtebaulich wertvoll.
Nachkriegszeit und Moderne
Nach 1945 blieb Ramersdorf weitgehend von großen Zerstörungen verschont. In den 1950er- bis 1970er-Jahren entstanden viele Nachkriegsbauten, Genossenschaftssiedlungen und sozialer Wohnungsbau. Die Nähe zum Ostpark (eröffnet 1972) und später zum Tierpark Hellabrunn verstärkte den Charakter als grünes Wohnviertel.
Seit den 1990er-Jahren erlebt Ramersdorf einen sanften Strukturwandel: Mehr junge Familien ziehen zu, die Wallfahrtskirche wurde 2014–2018 aufwändig saniert und erstrahlt wieder in neuem Glanz. Gleichzeitig bleibt die Balanstraße/Chiemgaustraße ein stark frequentierter Verkehrs- und Gewerbebereich – das „Tor zum Süden“ lebt also weiter.
Heute verbindet Ramersdorf auf einzigartige Weise alte dörfliche Strukturen, barocke Wallfahrtstradition, denkmalgeschützte Siedlung und modernes städtisches Leben. Der Stadtteil ist gewachsen, nicht erfunden – und genau das macht seine besondere Identität aus.
(Quellen u. a.: Stadtarchiv München, Wikipedia, muenchen.de, Arbeitskreis Stadtteilgeschichte Ramersdorf e.V., historische Beiträge in SZ und Hallo München)

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